11 Jahre Singapur: Mein Leben im „Sprach-Dschungel“

Stell dir vor, du ziehst ans andere Ende der Welt und plötzlich funktioniert nichts mehr so, wie du es kennst. In Deutschland war meine Kommunikation als Gehörloser klar aufgeteilt und eingespielt. Mit meiner Familie kommunizierte ich ausschließlich über Lautsprache – Gebärden gab es dort nie. Auch bei meinen Kollegen war die Lautsprache das Hauptwerkzeug, ergänzt durch nur wenig Gebärdensprache. Erst bei meinen gehörlosen Freunden und Bekannten wechselte ich ganz in meine Muttersprache, die Gebärdensprache.

Doch seit 11 Jahren kenne ich nun in Singapur, und mein Alltag ist ein faszinierendes, aber oft auch kompliziertes Puzzle aus vier völlig verschiedenen Welten.

Das Herzstück meiner Schwiegerfamilie ist meine Schwiegermutter. Aber wer jetzt denkt, wir nutzen eine offizielle Gebärdensprache, der irrt. Sie kommuniziert in einer ganz privaten „Mama-Gebärdensprache“.

Das sind keine Zeichen, die man in einer Schule lernt, sondern ein über Jahrzehnte gewachsener Familiencode. Personen werden hier nach ganz bestimmten Merkmalen benannt – wie zum Beispiel die „Tante mit dem Leberfleck“. Es gibt eigene Zeichen für die erste oder dritte Tante und ganz spezielle Symbole für „Komm essen“. Da ich diese privaten Zeichen nicht von klein auf kenne, ist meine Frau oft meine wichtigste Dolmetscherin. Wir knacken diese Codes jeden Tag ein Stückchen mehr.

Mit meinem Schwiegervater läuft fast alles schriftlich ab – auf Englisch. Das klingt erst einmal einfach, ist es aber nicht. Mein geschriebenes Englisch liegt etwa auf A1-Niveau, und seine Handschrift ist so kompliziert, dass ich sie kaum entziffern kann. Wir verstehen uns zwar im Kern, aber für die Tiefe der Gespräche brauchen wir auch hier oft die Hilfe meiner Frau als Brücke.

Ganz anders sieht es bei meinen beiden Schwägerinnen aus. Sie haben in Singapur die offizielle Singapore Sign Language (SgSL) gelernt. Da diese sehr eng mit der amerikanischen Gebärdensprache (ASL) verwandt ist und ich ASL gut beherrsche, klappt der Austausch mit ihnen fast reibungslos.

Auch mit meinen gehörlosen Freunden in Singapur und Malaysia nutze ich einen Mix aus ASL und SgSL. Richtig spannend wird es bei der älteren Generation – sie nutzen oft noch uralte chinesische Gebärden, die wieder ganz eigene visuelle Muster haben.

Egal ob zu Hause oder im Fernsehen: Überall um mich herum flirren Chinesisch und Englisch. Es ist eine ständige visuelle Flut. Dieser Blog ist deshalb mein Rückzugsort. Hier schreibe ich auf Deutsch, um meine Muttersprache nicht nur zu behalten, sondern sie lebendig zu pflegen.

Trotz der vielen Hürden bleibe ich ruhig und freundlich. Ich merke, wie ich von Tag zu Tag mehr von diesen privaten „Mama-Zeichen“ verstehe. Es ist ein langsamer Weg, aber jeder verstandene Moment ist ein kleiner Sieg über die Sprachbarrieren.

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