Die Sage der zehn Drachengeborenen

Diese Sage ist entstanden, weil ich ein Armband aus Adlerholz gekauft habe. Zehn Kugeln, zehn Gesichter – und plötzlich war die Idee da. Adlerholz entsteht nur, wenn ein Baum verletzt wird: Aus der Wunde wächst das dunkle, duftende Harz. Mein Leben war auch mal hoch, mal tief. Vielleicht passt diese Geschichte deshalb so gut zu mir.

Armband aus zehn geschnitzten Adlerholz-Kugeln mit Gesichtern
Mein Armband aus Adlerholz – zehn Kugeln, zehn Drachengeborene

Teil 1: Kampf der zehn Drachengeborenen gegen die Dunkelheit

Kapitel 1: Die Geburt

In einem weit entfernten Königreich, hinter sieben Bergen und einem Meer aus Nebel, lebte einst der älteste aller Drachen. Seine Schuppen glänzten dunkel wie altes Holz, und sein Atem war warm wie ein Sommerabend.

Als er spürte, dass sein Ende nahe war, legte er sich auf den höchsten Gipfel. „Etwas kommt“, flüsterte er dem Wind zu. „Etwas, das kein Licht kennt.“

Dann schloss er die Augen. Zehn Schuppen fielen von seinem Rücken und rollten den Berg hinunter. Wo sie liegen blieben, wuchs aus jeder ein Kind – mit dem Mut eines Drachen und dem Gesicht eines Löwen.

Die Menschen nannten sie die Drachengeborenen. Und niemand ahnte, wie bald man sie brauchen würde.

Kapitel 2: Die zehn

Aron der Zornige – Aron kam brüllend zur Welt, und sein Brüllen ließ die Schatten fliehen. Doch sein Zorn war schneller als sein Verstand. Oft kämpfte er, bevor er wusste, gegen wen.

Liora die Lachende – Wo Liora lachte, wurden müde Herzen wieder warm. Sie glaubte, nichts auf der Welt sei wirklich gefährlich. Das machte sie mutig – und manchmal leichtsinnig.

Bram der Weise – Bram hatte Falten, schon als er jung war. Er kannte die alten Worte, mit denen man Licht ruft. Aber seine Beine waren langsam, und die Dunkelheit wartet auf niemanden.

Sela die Schweigsame – Sela hörte das Flüstern der Steine und den Atem der Feinde. Doch sie sprach nie. Einmal hätte ein einziges Wort von ihr ein Dorf gerettet.

Kael der Wächter – Kael schlief nie. Seine großen Augen sahen jede Bewegung im Wald. Weil er alles sah, sah er auch jede Lüge – und traute darum niemandem.

Mira die Heilerin – Mit einem Atemzug schloss Mira jede Wunde. Doch jede Heilung nahm ihr ein wenig von ihrem eigenen Leben. Sie sagte es niemandem.

Torin der Starke – Torin trug Felsen wie andere Kinder Äpfel. Er glaubte, Stärke reicht für alles. Er musste erst verlieren, um zu lernen, dass sie das nicht tut.

Yuna die Träumerin – Yuna sah im Schlaf, was morgen kommen würde. Doch Träume sind wie Nebel. Sie wusste nie, welcher wahr war und welcher nur Angst.

Feno der Flinke – Feno lief schneller als der Wind über die Hügel. Er war immer zuerst da – und darum oft allein, wenn die Gefahr kam.

Dravan der Dunkle – Dravan war die dunkelste Schuppe des alten Drachen. Lange diente er der Dunkelheit, bis er sah, was sie anrichtet. Er kehrte um, aber die anderen sahen ihn noch immer misstrauisch an.

Kapitel 3: Die Dunkelheit kommt

Es begann an einem Herbstmorgen. Die Sonne ging auf, aber sie wärmte nicht. Über dem östlichen Wald hing ein grauer Schleier, der nicht wie Nebel aussah. Er bewegte sich gegen den Wind.

Zuerst verloren die Blumen ihre Farbe. Dann schwiegen die Vögel. Nach drei Tagen kamen Menschen aus den Dörfern ins Tal. Sie liefen langsam, mit leeren Augen. Eine Mutter wusste nicht mehr den Namen ihres Kindes. Ein alter Schmied hielt seinen Hammer und fragte, wozu er gut sei.

„Die Nachtlose ist erwacht“, sagte Bram leise. „Der alte Drache hat sie vorhergesehen.“

Kael hatte sie zuerst gesehen, in der Nacht, als niemand sonst wach war. Sela hatte sie zuerst gehört – ein Flüstern, wie wenn Asche auf Asche fällt. Aber Sela schwieg, und Kael traute seinen eigenen Augen nicht.

So kam die Dunkelheit näher. Und jeden Tag wurde das Königreich ein wenig grauer.

Kapitel 4: Der Streit

Die zehn trafen sich unter der alten Eiche am Fluss. Doch statt einen Plan zu machen, begannen sie zu streiten.

„Warum ist er hier?“, rief Aron und zeigte auf Dravan. „Er hat der Dunkelheit gedient! Vielleicht hat er sie gerufen!“ Kael nickte. Auch Feno trat einen Schritt zurück.

Dravan sagte nichts. Er senkte nur den Kopf.

„Wir brauchen keinen Plan“, sagte Torin. „Ich gehe allein und schlage sie zurück.“ Mira wollte ihn halten, aber er war schon fort.

In der Nacht flüsterte die Nachtlose jedem von ihnen ins Ohr. Zu Liora sagte sie: Niemand nimmt dich ernst. Zu Bram: Du bist zu alt. Zu Mira: Du wirst sterben, wenn du weiter heilst. Und zu Dravan: Sie werden dir nie vertrauen. Komm zurück zu mir.

Am Morgen kam Torin zurück. Er war blass, seine Arme hingen schwer herab, und er wusste kaum noch seinen eigenen Namen. Mira heilte ihn – und wurde dabei selbst ein wenig grauer.

Kapitel 5: Die Wahrheit

In dieser Nacht hatte Yuna einen Traum, der nicht wie Nebel war. Er war klar wie Wasser.

Sie sah den alten Drachen. Er lag auf dem Gipfel und sprach: „Eine Schuppe allein ist nur ein Blatt im Wind. Zehn Schuppen zusammen sind ein Panzer.“ Dann zeigte er ihr zehn Lichter, die sich zu einem Kreis verbanden.

Am Morgen erzählte Yuna allen davon. Diesmal zweifelte sie nicht. „Nur wenn alle zehn Kräfte zur gleichen Zeit wirken, kann die Nachtlose besiegt werden. Alle zehn – auch Dravan.“

Es war still unter der Eiche. Dann sprach Sela. Zum ersten Mal in ihrem Leben. „Ich habe sie gehört, schon vor Tagen. Ich hätte es sagen müssen. Es tut mir leid.“

Da hob Dravan den Kopf. „Ich kenne den Weg in ihr Herz“, sagte er. „Ich bin ihn oft gegangen. Diesmal gehe ich ihn mit euch – oder gar nicht.“

Kael sah ihn lange an. Er suchte die Lüge in Dravans Augen. Er fand keine. „Dann gehen wir zusammen“, sagte Kael.

Kapitel 6: Der Kampf

Dravan führte sie durch das Grau. Feno lief nicht voraus, sondern blieb bei den anderen. Kael wachte über alle. Sela lauschte und sagte jedes Mal laut, wenn ein Schatten kam.

Im Herzen der Dunkelheit war es so still, dass man das eigene Herz hörte. Dort wartete die Nachtlose – ein Wirbel aus Grau, ohne Gesicht und ohne Ende.

„Jetzt!“, rief Bram und sprach die alten Worte. Aron brüllte, und die Schatten wichen zurück. Liora lachte, so laut sie konnte, und die Angst der anderen wurde kleiner. Torin stemmte sich gegen den Sturm. Yuna rief, wohin der nächste Angriff kam. Mira heilte jede Wunde, sobald sie entstand.

Die Nachtlose schrie mit tausend Stimmen. Sie schlug nach ihnen und riss tiefe Wunden in ihre Schuppen. Aber die zehn ließen einander nicht los.

Am Ende trat Dravan in die Mitte. „Ich war ein Teil von dir“, sagte er zur Dunkelheit. „Darum kann ich dich halten.“ Er umarmte das Grau – und die anderen neun legten ihre Hände auf ihn.

Ein Licht brach aus ihnen hervor, warm wie der Atem des alten Drachen. Die Dunkelheit zerfiel wie Asche im Wind.

Kapitel 7: Das Armband

Als das Licht verlosch, war das Königreich wieder bunt. Die Vögel sangen. Die Mutter rief ihr Kind beim Namen, und der Schmied schlug wieder auf sein Eisen.

Aber von den zehn Drachengeborenen war niemand mehr zu sehen. Dort, wo sie gekämpft hatten, lagen nur zehn dunkle Kugeln aus Holz im Gras.

Ein Hirtenjunge fand sie. Er sah, dass auf jeder Kugel ein Gesicht war – ein zorniges, ein lachendes, ein weises, ein schweigendes und noch sechs andere. Und er sah, dass das Holz Narben hatte, wie von tiefen Wunden.

Als er eine Kugel an seine Nase hielt, roch sie süß und warm, wie nichts, was er kannte. Seine Großmutter erklärte es ihm: „Das ist Adlerholz. Es duftet nur dort, wo der Baum verletzt wurde. Aus ihren Wunden ist ihr Duft gewachsen.“

Der Junge nahm ein Haar vom Schweif eines alten Pferdes und fädelte die zehn Kugeln auf. So blieben sie zusammen, wie sie es geschworen hatten.

Seitdem wandert das Armband von Hand zu Hand. Wer es trägt, ist der Elfte. Und wenn die Nächte zu grau werden, sagen manche, kann man die zehn leise flüstern hören:

„Wir sind noch da.“

Ende von Teil 1

Teil 2: Der Elfte

Kapitel 1: Der Markt

Viele hundert Jahre später lebte in einer großen Stadt ein Mann namens Elias. Er stand jeden Tag um vier Uhr auf und fuhr zur Arbeit, wenn die Straßen noch dunkel waren. Sein Leben war mal hoch, mal tief gewesen. In letzter Zeit war es vor allem grau.

Als Kind hatte Elias Geschichten geliebt – Drachen, Königreiche, Helden. Irgendwann hatte er sie vergessen, so wie man einen Schlüssel in einer alten Jacke vergisst.

An einem Samstag ging er über einen kleinen Markt. Ganz am Ende stand ein Tisch mit alten Dingen. Eine alte Frau saß dahinter und lächelte, als hätte sie auf ihn gewartet.

Zwischen Löffeln und Münzen lag ein Armband aus zehn dunklen Holzkugeln. Elias nahm es in die Hand. Es war warm, obwohl der Morgen kalt war. Auf jeder Kugel war ein Gesicht.

„Adlerholz“, sagte die Frau. „Riech mal.“ Elias hielt es an die Nase. Der Duft war süß und tief – und plötzlich fiel ihm eine Geschichte ein, die er nie gehört hatte.

„Was kostet es?“, fragte er. Die Frau schüttelte den Kopf. „Es kostet nichts. Es sucht sich seinen Träger selbst.“ Als Elias aufsah, war ihr Tisch leer.

Kapitel 2: Das Flüstern

In der ersten Nacht legte Elias das Armband auf seinen Nachttisch. Kurz nach Mitternacht wachte er auf. Jemand flüsterte.

„Er ist müde“, sagte eine raue Stimme. „Ist er wirklich der Richtige?“ – „Sei still, Aron“, sagte eine sanfte Stimme. „Er hört uns.“

Elias machte das Licht an. Niemand war im Zimmer. Nur die Kugeln glänzten, als hätten sie gerade geatmet.

„Hab keine Angst“, sagte eine alte, langsame Stimme. „Ich bin Bram. Wir sind die Drachengeborenen. Wir haben die Dunkelheit besiegt – aber nicht ganz.“

Dann sprach eine tiefe Stimme, die dunkelste von allen. „Ich bin Dravan. Ein kleiner Rest der Nachtlosen hat überlebt. Er hat keinen Körper mehr. Er versteckt sich in den Menschen – in ihrer Müdigkeit, in ihren grauen Tagen. Er macht sie vergessen, was sie einmal geliebt haben.“

Elias saß lange still auf seinem Bett. Dann sagte er leise: „Ich glaube, er ist auch bei mir.“

„Wir wissen“, sagte Mira sanft. „Darum hat das Armband dich gefunden.“

Kapitel 3: Die zehn Lektionen

Von da an trug Elias das Armband jeden Tag. Und jeden Tag lehrte ihn eine Kugel etwas.

Aron lehrte ihn, dass Zorn eine Kraft ist – wenn man vorher atmet. Liora lehrte ihn, über sich selbst zu lachen, wenn ein Tag schiefging. Bram sagte ihm, dass langsam auch ein Weg ist. Sela lehrte ihn, zu sagen, was er fühlt, bevor es zu spät ist.

Kael zeigte ihm, wem er vertrauen konnte. Mira erinnerte ihn, auch sich selbst zu heilen, nicht nur andere. Torin lehrte ihn, um Hilfe zu bitten. Yuna sagte: „Träume wieder. Auch wenn du nicht weißt, ob sie wahr werden.“ Feno lehrte ihn, nicht immer allein vorauszulaufen.

Dravan sprach als Letzter. „Ich habe dir nichts Schönes zu lehren“, sagte er. „Nur das: Auch wer lange im Dunkeln war, kann umkehren. Ich bin der Beweis.“

Langsam kam die Farbe zurück in Elias‘ Tage. Auf der frühen Fahrt zur Arbeit sah er wieder den Himmel. Und eines Morgens, um fünf Uhr, nahm er einen Stift und begann zu schreiben – eine Geschichte über zehn Drachengeborene.

Kapitel 4: Der Elfte

Der graue Rest der Nachtlosen merkte, dass er Elias verlor. In einer Nacht kam er mit voller Kraft. Er flüsterte: Du bist zu alt für Märchen. Niemand will deine Geschichte lesen. Hör auf.

Elias spürte, wie die Farben wieder verblassten. Aber diesmal war er nicht allein. Er legte die Hand auf das Armband und sagte laut: „Doch. Ich schreibe weiter.“

In diesem Moment leuchteten alle zehn Kugeln auf – und eine elfte Stimme sprach mit ihnen. Es war seine eigene. Das Grau wich aus dem Zimmer, wie Nebel vor der Sonne.

„Jetzt bist du wirklich der Elfte“, sagte Bram. „Der Hüter ist nicht der Stärkste. Der Hüter ist der, der nicht aufhört.“

Elias lächelte und schlief ein. Er hörte nicht mehr, wie Mira leise seufzte. Und er sah nicht den feinen Riss, der sich in ihrer Kugel öffnete.

Denn jede Heilung kostete sie etwas. Und sie hatte Elias sehr viel geheilt.

Ende von Teil 2

Teil 3: Die Rückkehr

Kapitel 1: Der Riss

Ein paar Wochen vergingen. Elias schrieb jeden Morgen eine Seite, bevor er zur Arbeit fuhr. Er fühlte sich so lebendig wie lange nicht mehr.

Aber Mira wurde still. Früher hatte sie ihm jeden Abend etwas Freundliches zugeflüstert. Jetzt hörte er sie kaum noch.

Eines Abends sah Elias den Riss. Er lief quer über Miras Gesicht, fein wie ein Haar. Am nächsten Tag war er länger. Und aus dem Riss stieg ein dünner grauer Faden, wie Rauch von einer ausgeblasenen Kerze.

„Der graue Rest“, sagte Kael scharf. „Er kommt durch Miras Wunde zu uns herein.“

Auch die anderen Kugeln wurden matter. Liora lachte nicht mehr. Yuna hatte nur noch Albträume. Und Torin, der Starke, sagte zum ersten Mal: „Ich bin müde.“

„Warum hast du nichts gesagt, Mira?“, fragte Elias. Ganz leise kam die Antwort: „Weil ich die bin, die heilt. Nicht die, die geheilt wird.“

Kapitel 2: Die alte Hüterin

Am Samstag lief Elias zum Markt. Er suchte den Tisch ganz am Ende. Er war leer. Doch auf dem Stuhl lag ein Zettel: „Hinter der Kirche, am Brunnen.“

Dort saß die alte Frau und fütterte Tauben. „Du kommst wegen Mira“, sagte sie, ohne aufzusehen.

„Wer sind Sie?“, fragte Elias. Sie zog ihren Ärmel hoch. Am Handgelenk war ein heller Streifen auf der Haut, wie dort, wo man lange ein Armband getragen hat. „Ich war die Elfte vor dir. Fünfzig Jahre lang.“

Sie erklärte es ihm: „Adlerholz heilt nicht von allein. Der Baum braucht Zeit, Ruhe und jemanden, der ihn nicht fällt. Mira hat immer gegeben. Nun muss sie lernen zu nehmen. Und die anderen müssen lernen, ihr etwas zurückzugeben.“

„Und ich?“, fragte Elias. Die Frau lächelte. „Du gibst ihr das, was sie dir gegeben hat. Sie hat deine Geschichte wieder geweckt. Jetzt erzähl du ihr eine.“

Als Elias sich umdrehte, um sich zu bedanken, flogen nur noch die Tauben auf.

Kapitel 3: Die Heilung

In dieser Nacht legte Elias das Armband auf ein weiches Tuch. Er zündete eine Kerze an und las laut vor – seine eigene Geschichte, von der ersten Seite an.

Als er zu der Stelle kam, wo Mira Torin heilt, zitterte ihre Kugel. „Das bin ich“, flüsterte sie. „Ja“, sagte Elias. „Ohne dich gäbe es diese Geschichte nicht.“

Da geschah etwas, das noch nie geschehen war. Aron sagte nicht zornig, sondern ganz leise: „Mira, jetzt sind wir dran.“ Und einer nach dem anderen gab ihr etwas von seiner Kraft.

Liora gab ihr ein Lachen. Bram gab ihr Geduld. Sela sagte ihr endlich, wie sehr sie sie liebte. Torin hielt sie fest. Yuna schenkte ihr einen schönen Traum. Feno blieb die ganze Nacht ganz nah bei ihr. Kael wachte über sie. Und Dravan stellte sich vor den Riss, damit kein Grau mehr hineinkam.

Mira weinte. Zum ersten Mal ließ sie sich helfen.

Am Morgen war der Riss nicht verschwunden. Aber er war mit dunklem, glänzendem Harz gefüllt – wie eine Narbe aus Gold. Und Miras Kugel duftete stärker als alle anderen.

„So ist das mit Adlerholz“, dachte Elias. „Die Wunde bleibt. Aber sie wird zum schönsten Teil.“

Kapitel 4: Dravans Schweigen

Nach dieser Nacht war das Armband stärker als je zuvor. Das Grau war fort. Liora lachte wieder, und Torin prahlte schon wieder mit seiner Kraft.

Nur Dravan war still. Elias bemerkte es erst nach ein paar Tagen.

„Dravan“, fragte er eines Abends. „Als du vor Miras Riss standest – hat das Grau dich berührt?“

Lange kam keine Antwort. Dann sagte Dravan: „Das Grau hat mich erkannt. Es hat meinen alten Namen gerufen. Den Namen, den ich hatte, bevor ich umkehrte.“

„Was war das für ein Name?“, fragte Elias.

„Das“, sagte Dravan, „ist eine Geschichte, die ich noch nie jemandem erzählt habe. Nicht einmal den anderen neun.“

Draußen vor dem Fenster zog eine einzelne graue Wolke über den Mond. Sie bewegte sich gegen den Wind.

Ende von Teil 3

Teil 4: Dravans Geheimnis

Kapitel 1: Die zehnte Schuppe

In einer stillen Nacht begann Dravan zu erzählen. Die anderen neun hörten zu, ohne ein Wort.

„Als der alte Drache starb, rollten zehn Schuppen den Berg hinunter. Neun blieben im Gras liegen, in der Sonne. Ich war die zehnte. Ich rollte weiter – in eine tiefe Höhle, wo nie Licht hinkam.“

„Dort wurde ich geboren. Allein, im Dunkeln. Ich wusste nicht, dass es euch gab. Ich wusste nicht einmal, was Licht ist.“

„Dann kam eine Stimme. Sie war sanft und kühl. Sie sagte: Du bist nicht allein. Ich bin bei dir. Sie gab mir einen Namen: Grauherz. Ich dachte, sie wäre meine Mutter.“

Mira legte sich ganz nah an seine Kugel. „Die Nachtlose“, flüsterte sie.

„Ja“, sagte Dravan. „Sie hat mich nicht gestohlen. Sie hat mich gefunden, als niemand sonst es tat. Das ist das Schlimmste daran.“

Kapitel 2: Warum Dravan umkehrte

„Viele Jahre ging ich mit ihr“, erzählte Dravan weiter. „Ich half ihr, die Farben aus den Dörfern zu holen. Ich dachte, das sei richtig. Sie sagte mir, die Menschen seien glücklicher, wenn sie nichts mehr fühlen.“

„Dann kamen wir in ein kleines Dorf am Meer. Dort saß ein Mädchen am Strand und sang ein Lied für ihren Vater, der auf dem Meer war. Die Nachtlose nahm ihr das Lied. Und dann nahm sie ihr den Vater aus dem Gedächtnis.“

„Das Mädchen hörte auf zu weinen. Es sah einfach nur aufs Meer – mit leeren Augen. Da habe ich zum ersten Mal verstanden: Nichts fühlen ist kein Glück. Es ist nur leer.“

„In dieser Nacht lief ich fort. Ich lief, bis ich unter einer alten Eiche neun andere sah, die aussahen wie ich. Sie sahen mich an, als wäre ich ein Feind. Und sie hatten recht.“

Lange war es still. Dann sagte Aron, der Zornige, mit rauer Stimme: „Nein. Wir hatten nicht recht. Du warst einer von uns. Wir haben dich nur zu spät gefunden.“

Kapitel 3: Der Ruf

Drei Nächte später kam die graue Wolke zurück. Sie hing vor Elias‘ Fenster und wurde immer größer. Dann sprach sie – mit der sanften, kühlen Stimme von damals.

„Grauherz. Mein Kind. Komm nach Hause. Bei mir musst du nie wieder Schmerz fühlen. Bei mir musst du nie wieder beweisen, dass du gut bist.“

Dravans Kugel wurde kalt in Elias‘ Hand. „Sie hat recht“, flüsterte Dravan. „Es wäre so leicht.“

Elias wusste nicht, was er tun sollte. Da sprach Sela, die Schweigsame. „Sag deinen alten Namen laut, Dravan. Ein Name, den man versteckt, hat Macht über einen. Ein Name, den man ausspricht, verliert sie.“

Dravan zitterte. Dann sagte er laut, vor allen: „Ich war Grauherz. Ich habe Böses getan. Und ich bin Dravan. Ich habe eine Familie.“

Die Wolke zuckte zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Kapitel 4: Die Nacht mit Sternen

Aber Dravan kämpfte nicht. Er tat etwas, das noch kein Drachengeborener getan hatte. Er sprach mit ihr.

„Warum frisst du die Farben?“, fragte er. „Warum willst du, dass niemand mehr fühlt?“

Die Wolke schwieg lange. Dann kam eine ganz kleine Stimme. „Weil mich niemand sieht. Die Menschen lieben den Tag. Sie fürchten die Dunkelheit. Ich wollte, dass alles so grau ist wie ich. Dann wäre ich nicht mehr allein.“

Da verstand Dravan. Sie war wie er damals in der Höhle. Allein, ohne Licht, ohne Namen, den jemand liebte.

„Die Menschen brauchen dich“, sagte er sanft. „Nicht als Grau. Als Nacht. Ohne Nacht können sie nicht schlafen. Ohne Dunkelheit sehen sie keine Sterne.“

Die Wolke zitterte. Dann begann sie, sich zu verändern. Das Grau wurde tiefer, wurde blau, wurde schwarz wie Samt. Und mitten darin leuchtete ein erster Stern auf. Dann ein zweiter. Dann tausend.

Die Nachtlose war keine Nachtlose mehr. Sie war die Nacht – die ruhige Nacht, die nach jedem langen Tag kommt und sagt: Jetzt darfst du ausruhen.

Elias stand am Fenster und weinte, ohne zu wissen, warum. Am Handgelenk spürte er zehn warme Kugeln. Und die dunkelste duftete in dieser Nacht am süßesten.

„Auch die Tiefen gehören zum Leben“, flüsterte Dravan. „Man muss sie nur nicht allein durchqueren.“

Ende von Teil 4

Teil 5: Der Kreis

Kapitel 1: Der Traum vom Gipfel

Seit die Nacht Sterne trug, war es ruhig geworden. Elias schrieb weiter, jeden Morgen eine Seite. Sein Heft wurde dicker, und die zehn Kugeln lasen still mit.

In einer Herbstnacht hatte Elias einen Traum. Er stand auf einem hohen Berg. Der Wind roch nach Adlerholz. Vor ihm lag der alte Drache, riesig und dunkel wie ein Wald.

„Du hast meine Kinder gut gehütet“, sagte der Drache. Seine Stimme war tief und warm. „Aber eines weißt du noch nicht. Als ich starb, fielen nicht zehn Schuppen von mir. Es waren elf.“

„Elf?“, fragte Elias. „Wo ist die elfte?“

Der Drache lächelte – so gut ein Drache lächeln kann. „Die elfte Schuppe war mein Herz. Sie fiel nicht ins Gras und nicht in die Höhle. Sie fiel in die Menschen. Und manchmal, in einem von ihnen, wacht sie auf.“

Elias wachte auf. Seine Brust war warm, als hätte jemand eine Hand darauf gelegt.

Kapitel 2: Der Abschied am Brunnen

Am Samstag ging Elias wieder zum Brunnen hinter der Kirche. Die alte Frau saß dort, wie beim letzten Mal. Aber sie fütterte keine Tauben. Sie hatte die Augen geschlossen und lächelte in die Sonne.

„Ich habe vom Drachen geträumt“, sagte Elias. „Von der elften Schuppe.“

„Ich weiß“, sagte sie. „Ich habe denselben Traum gehabt. Vor fünfzig Jahren.“ Sie nahm seine Hand. Ihre Finger waren leicht wie Papier. „Die Zehn sind nicht nur deine Wächter, Elias. Du bist auch ihrer. Ihr hütet euch gegenseitig.“

„Und was passiert, wenn ich alt bin wie Sie?“, fragte er.

„Dann wirst du spüren, wer der Nächste ist. Jemand Graues, Müdes, der seine Geschichten vergessen hat. Und du wirst ihm das Armband geben – ohne Geld, ohne Erklärung.“

Sie lehnte den Kopf an den Brunnen. „Ich bin jetzt müde. Aber es ist eine gute Müdigkeit. Wie nach einem langen, schönen Tag.“

Ein Windstoß ging über den Platz. Die Tauben flogen auf. Als Elias wieder hinsah, war der Platz am Brunnen leer. Nur ein feiner Duft von Adlerholz hing noch in der Luft.

Am Handgelenk spürte er, wie alle zehn Kugeln gleichzeitig warm wurden. „Sie ist jetzt beim alten Drachen“, sagte Bram leise. „Sie hat ihre Geschichte zu Ende erzählt.“

Kapitel 3: Das Buch

Im Winter schrieb Elias die letzte Seite. Er legte den Stift hin und sah lange auf das Heft. „Ist es gut genug?“, fragte er leise.

„Lies es vor“, sagte Liora. „Dann wissen wir es.“

Elias las es nicht nur den Kugeln vor. Er las es in der Bibliothek der Stadt, an einem Sonntagnachmittag, vor sieben Kindern und drei müden Eltern. Seine Stimme zitterte am Anfang. Dann nicht mehr.

Als er zu Dravan kam, wurde ein Junge in der ersten Reihe ganz still. Als er zu Mira kam, nahm eine Mutter die Hand ihrer Tochter. Und als die Nacht am Ende Sterne bekam, sagte ein kleines Mädchen laut: „Dann muss man ja gar keine Angst vor der Dunkelheit haben.“

„Nein“, sagte Elias. „Man muss sie nur nicht allein durchqueren.“

Nach der Lesung kam der Junge aus der ersten Reihe zu ihm. „Gibt es die zehn wirklich?“, fragte er.

Elias sah auf sein Handgelenk. Zehn Gesichter sahen zurück – ein zorniges, ein lachendes, ein weises, ein schweigendes und noch sechs andere. „Was glaubst du?“, fragte er.

Der Junge dachte lange nach. „Ich glaube, es gibt sie in jedem, der eine Geschichte hat.“

Bram brummte zufrieden. „Kluges Kind.“

Kapitel 4: Der Kreis

Viele Jahre vergingen. Elias‘ Haare wurden weiß. Sein Buch stand in vielen Bibliotheken, und manche Kinder kannten die zehn Namen auswendig.

Er fuhr nicht mehr um vier Uhr morgens zur Arbeit. Aber er wachte immer noch früh auf. Dann saß er am Fenster, sah die Sterne verblassen und hörte den zehn zu, wie sie leise miteinander stritten und lachten.

An einem Samstag ging er auf den kleinen Markt. Er hatte einen Tisch dabei, ganz am Ende. Darauf legte er ein paar alte Löffel, ein paar Münzen – und ein Armband aus zehn dunklen Holzkugeln.

Gegen Mittag kam eine junge Frau vorbei. Sie hatte müde Augen und lief schnell, als wäre sie auf der Flucht vor ihren eigenen Gedanken. Vor seinem Tisch blieb sie stehen, ohne zu wissen, warum.

Sie nahm das Armband in die Hand. „Es ist warm“, sagte sie überrascht.

„Adlerholz“, sagte Elias. „Riech mal.“

Sie hielt es an die Nase. Und Elias sah, wie etwas in ihren Augen aufwachte – ganz klein, wie ein erster Stern am Abend.

„Was kostet es?“, fragte sie.

Elias lächelte. „Es kostet nichts. Es sucht sich seinen Träger selbst.“

Am Handgelenk der jungen Frau flüsterte eine raue Stimme: „Sie ist müde. Ist sie wirklich die Richtige?“ – „Sei still, Aron“, sagte eine sanfte Stimme. „Sie hört uns.“

Ende der Sage von den zehn Drachengeborenen

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Die Geschichte „Die Sage der zehn Drachengeborenen“, die Figuren und die Fotos sind urheberrechtlich geschützt. Kopieren, Veröffentlichen oder Weiterverwenden – auch in Auszügen – nur mit meiner schriftlichen Erlaubnis. Teilen per Link ist jederzeit willkommen.

Bildnachweis: Fotos der Adlerholz-Kugeln: eigene Aufnahmen. Drachenbilder: mit KI erstellt.

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Eine Antwort zu „Die Sage der zehn Drachengeborenen“

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Mario Lee

Hallo! Ich bin Mario Lee.

Gehörlos, neugierig und unterwegs zwischen Passau und Singapur. Hier schreibe ich über Inklusion, Reisen, Politik und das Leben.

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