Im März habe ich euch von Pulau Semakau erzählt, Singapurs Mülldeponie mitten im Meer, auf der trotzdem Mangroven wachsen und Korallen leben. Seitdem lässt mich das Thema nicht mehr los. Denn Semakau ist nur ein Baustein in einem viel größeren System. Ich war inzwischen siebenmal in Singapur, der Heimat meiner Frau, und je mehr ich darüber lese, desto mehr staune ich, wie konsequent dieses kleine Land mit seinen Ressourcen umgeht. Hier ist meine Zusammenfassung: vom Müll über das Wasser bis zur Energie.

Semakau kurz zur Erinnerung
Semakau liegt etwa 8 km südlich der Hauptinsel. Für die Deponie wurden die Inseln Pulau Semakau und Pulau Sakeng mit einem rund 7 km langen Steindamm verbunden. Seit dem 1. April 1999 ist sie in Betrieb. Dorthin kommt fast nur noch Asche aus den Müllverbrennungsanlagen und Abfall, der nicht brennt, alles per Schiff. Das Wasser rundherum ist sauber, und auf der Insel gibt es Mangrovenwälder, Korallen, eine Fischfarm und eine erstaunliche Artenvielfalt.
Der Haken: Nach heutiger Planung ist Semakau um 2035 voll. Eine zweite Deponie-Insel ist nicht geplant. Singapur geht einen anderen Weg.
Eine neue „westliche Insel“
Im August 2026 hat Premierminister Lawrence Wong in seiner National Day Rally angekündigt, dass mehrere südliche Inseln, darunter Semakau, Pulau Bukom und Pulau Sudong, in den kommenden Jahrzehnten zu einer größeren Insel zusammengelegt werden sollen. Vorbild ist Jurong Island, das ebenfalls aus vielen kleinen Inseln entstanden ist. Auf der neuen Insel sollen Industrien der nächsten Generation und neue Kraftwerke Platz finden.
Was das genau für die Deponie heißt, ist noch offen. Die Regierung prüft die Pläne, ein Zeitplan steht noch nicht fest. Ich bin gespannt, und ich hoffe sehr, dass die Natur auf Semakau dabei ihren Platz behält.
Weniger Asche, längere Lebensdauer
Damit Semakau länger hält, soll möglichst wenig dort landen:
- NEWSand: Aus der Verbrennungsasche wird ein Baustoff gewonnen, der als Sandersatz im Straßenbau und für Landgewinnung getestet wird.
- TREASURES: Im Juni 2026 haben die Umweltbehörde NEA und die Nanyang Technological University ein neues Forschungszentrum gestartet, ausgestattet mit 35 Millionen Singapur-Dollar. Es soll Wege finden, Wertstoffe aus Asche und giftigen Industrieabfällen zurückzugewinnen, damit weniger nach Semakau muss.
- Landfill Mining: Untersucht wird sogar, ob man schon vergrabenen Abfall wieder ausgraben, aufbereiten und so Platz zurückgewinnen kann.
Ziel: Zero Waste
Singapur will eine „Zero-Waste-Nation“ werden. Abfall gilt als Rohstoff. Ein paar Beispiele, die mir aufgefallen sind:
- Herstellerverantwortung: Wer Elektrogeräte verkauft, muss den Schrott zurücknehmen. In Supermärkten und Malls stehen dafür Sammelboxen. Große Firmen müssen außerdem melden, wie viel Verpackung sie verwenden, und Pläne zur Reduzierung vorlegen.
- Flaschenpfand: Seit dem 1. April 2026 gibt es ein Pfand von 10 Singapur-Cent auf Plastikflaschen und Dosen zwischen 150 ml und 3 Litern. Zurückgegeben wird an Automaten, ganz ähnlich wie bei uns. Ziel ist eine Rücklaufquote von rund 80 %.
- Plastiktüten: Seit Juli 2023 kostet eine Tüte in großen Supermärkten mindestens 5 Cent. Seitdem werden deutlich weniger Tüten genommen.
- Essensreste: Große Einkaufszentren und Hotels müssen ihre Lebensmittelabfälle vor Ort trennen. Daraus wird Kompost oder Biogas.
Die Ziele sind ehrgeizig: Bis 2030 soll pro Kopf 30 % weniger auf der Deponie landen, und die Recyclingquote soll auf 70 % steigen. Ehrlich gesagt ist da noch viel Luft. 2025 lag die Quote bei 52 %, bei den Haushalten sogar nur bei 11 %. Die Industrie recycelt viel, wir Normalbürger hinken hinterher. Das kennen wir aus Deutschland auch.
Aus Müll wird Strom
Was nicht recycelt wird, wird in Singapur fast komplett verbrannt. Das schrumpft das Volumen um rund 90 %. Die Hitze erzeugt Dampf, der Dampf treibt Turbinen, und so decken die Müllkraftwerke etwa 2 bis 3 % von Singapurs Strombedarf. Moderne Filter halten Schadstoffe wie Dioxine und Schwermetalle zurück.
Das Prestigeprojekt heißt Tuas Nexus. Hier werden Müllverbrennung und Abwasserreinigung an einem Ort zusammengeführt, weltweit eine Premiere. Klärschlamm und Essensreste werden zusammen zu Biogas, und die Anlage soll mehr Energie erzeugen, als sie selbst braucht. Tuas Nexus ist allerdings noch nicht komplett fertig. Wegen Corona und Bauverzögerungen geht die Anlage schrittweise ab 2026 in Betrieb.
NEWater: aus Abwasser wird Trinkwasser
Singapur hat kaum eigene Wasserquellen. Deshalb wird gebrauchtes Wasser so gründlich gereinigt, dass es die WHO-Standards übertrifft. Das Ergebnis heißt NEWater, und es entsteht in drei Schritten:
- Mikrofiltration: Winzige Hohlfasern halten Partikel und Bakterien zurück.
- Umkehrosmose: Unter hohem Druck geht das Wasser durch eine Membran, durch die fast nur Wassermoleküle passen. Viren, Salze und Rückstände bleiben draußen.
- UV-Licht: Zur Sicherheit wird das Wasser noch einmal bestrahlt.
NEWater deckt heute bis zu 40 % des Wasserbedarfs, bis 2065 sollen es 55 % werden. Der größte Teil geht an die Industrie, vor allem an die Chip-Fabriken, weil es so rein ist. In Trockenzeiten wird es auch in die Stauseen geleitet und kommt nach erneuter Aufbereitung aus dem Wasserhahn.
Das größte Problem war übrigens nicht die Technik, sondern der Ekel. „Toilet to Tap“ klingt nicht gerade appetitlich. Singapur hat mit viel Aufklärung geantwortet und 2018 sogar ein Bier gebraut, NEWBrew, das zum größten Teil aus NEWater besteht.
Die vier „Wasserhähne“ des Landes
NEWater ist einer von vier „National Taps“:
- Wasser aus Malaysia: Seit 1962 gibt es einen Vertrag mit dem Bundesstaat Johor, der bis 2061 läuft. Singapur darf täglich bis zu 250 Millionen Gallonen aus dem Johor-Fluss entnehmen, zu einem sehr niedrigen Preis. Politisch ist das immer wieder ein Thema, deshalb will Singapur bis 2061 unabhängig sein.
- Regenwasser: Rund zwei Drittel der Landfläche dienen als Auffanggebiet. Kanäle leiten das Regenwasser in 17 Stauseen. Der bekannteste ist das Marina Reservoir vor der Skyline, abgetrennt vom Meer durch die Marina Barrage. Über die habe ich hier im Blog ja auch schon geschrieben.
- Entsalzung: Fünf Anlagen machen Meerwasser trinkbar, ebenfalls per Umkehrosmose. Das braucht allerdings mehrfach so viel Strom wie NEWater. Geforscht wird an Membranen nach dem Vorbild der Natur, die den Verbrauch senken sollen.
- NEWater: siehe oben.
Die Marina Barrage und die Ausstellung dort mit den Schautafeln zu NEWater und Tuas Nexus habe ich im März selbst besucht. Meine Fotos und meinen Bericht findet ihr hier: Vorletzter Tag in Singapur: Marina Barrage und teamLab.









Und woher kommt die Energie?
Singapur ist eng, tropisch, ohne große Flüsse und ohne viel Wind. Rund 95 % des Stroms kommen heute aus Erdgas. Damit sich das ändert, wird das Land kreativ:
- Schwimmende Solaranlagen: Auf dem Tengeh-Stausee schwimmt eine Solaranlage, so groß wie etwa 45 Fußballfelder. Sie liefert ungefähr so viel Strom, wie die Wasserwerke des Landes verbrauchen. Auch in der Straße von Johor gibt es eine schwimmende Anlage auf dem Meer.
- Solar an Gebäuden: Solarmodule auf Dächern und in Fassaden. Neubauten müssen strenge Effizienzvorgaben erfüllen.
- Strom-Importe: Bis 2035 soll ein großer Teil des Stroms als Ökostrom aus den Nachbarländern kommen. Wasserkraft aus Laos fließt schon über Thailand und Malaysia nach Singapur, mit Indonesien gibt es Verträge für Solarstrom. Ganz groß gedacht ist das Projekt AAPowerLink, das Solarstrom aus Australien über ein rund 4.200 km langes Seekabel liefern soll. Ob und wann das kommt, ist aber noch offen.
- Kernkraft: Singapur prüft kleine modulare Reaktoren (SMR). Entschieden ist noch nichts.
- Wasserstoff: Kraftwerke sollen später mit Wasserstoff betrieben werden können.
Kälte aus der Leitung
Was mich besonders fasziniert: In Marina Bay liegt eines der größten unterirdischen Fernkältenetze der Welt. Statt dass jedes Hochhaus eigene Klimaanlagen und Kühltürme betreibt, kommt eiskaltes Wasser zentral durch Rohre unter der Stadt. Nachts, wenn Strom günstig ist, wird Kälte in großen Tanks gespeichert und tagsüber genutzt. Das spart Strom, Platz auf den Dächern, und es wird weniger heiße Luft auf die Straßen geblasen. Auch der neue Punggol Digital District setzt auf so ein Netz, gesteuert mit viel Software und Sensoren, die den Bedarf vorhersagen.
Für die Zukunft wird sogar an schwimmenden Rechenzentren geforscht, die mit Meerwasser gekühlt werden.
Grüne Architektur, die mitarbeitet
Zum Schluss die Orte, die viele von euch aus dem Urlaub kennen:
- Jewel Changi: Der Rain Vortex ist mit 40 Metern der höchste Indoor-Wasserfall der Welt. Er wird mit Regenwasser gespeist, und das Wasser wird danach weiterverwendet. Gekühlt wird vor allem dort, wo sich Menschen aufhalten, die warme Luft steigt nach oben in die Glaskuppel. Das Spezialglas lässt Licht für die rund 2.000 Bäume durch, hält aber viel Wärme draußen.
- Marina Bay Sands: Hier gibt es den Rain Oculus, einen riesigen Trichter über der Shoppingmall, der Regenwasser auffängt und als Wasserfall nach unten schickt. Dazu kommt viel Technik für Energieeffizienz, die man als Gast gar nicht bemerkt.
- Gardens by the Bay: Die Supertrees sind 25 bis 50 Meter hoch und mehr als Deko. Einige tragen Solarzellen, andere dienen als Abluftkamine. Ein Biomassekraftwerk verbrennt Schnittgut aus den Parks der Stadt, und mit dieser Wärme wird die Kühlung der beiden großen Glashäuser, Flower Dome und Cloud Forest, unterstützt.
Mein Fazit
Singapur zeigt, was möglich ist, wenn man keine Wahl hat. Wenig Platz, kaum Wasser, kaum eigene Energie, und trotzdem funktioniert dieses Land. Vieles ist noch nicht am Ziel, gerade beim Recycling in den Haushalten. Aber die Richtung stimmt. Und mittendrin liegt Semakau, eine Mülldeponie, auf der Mangroven wachsen. Ich hoffe sehr, dass ich sie bei meinem nächsten Besuch endlich mit eigenen Augen sehen kann. Dann gibt es hier Teil 2, live vor Ort.
🏝️ Hier geht es zu meinem ersten Beitrag über Pulau Semakau
Quellen u. a.: NEA, PUB, Mothership (National Day Rally, 23.08.2026), Eco-Business (TREASURES, Juni 2026; Tuas Nexus).





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