Salz auf der Haut, Zäune im Blick – Wenn die Küste zur Baustelle der Macht wird

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Es gibt diesen einen Moment, auf den man sich den ganzen Tag freut: Die Schuhe abstreifen, den warmen Sand unter den Sohlen spüren und endlich die Füße in das salzige Wasser tauchen. Gestern an der East Coast in Singapur wollte ich genau diesen Moment finden. Doch was ich fand, war die Ernüchterung einer verbauten Vision.

Gefangen zwischen Wiese und Zaun

Die Anreise war weit: Mit Bahn und Bus, gefolgt vom Marsch durch die langen Unterführungen, suchten wir die Freiheit des Meeres. Doch der Weg führte uns in die Irre – oder besser gesagt: in eine Sackgasse der Stadtplanung. Wir fanden uns auf einem schmalen Grünstreifen wieder, irgendwo zwischen der Hoffnung auf Strand und der harten Realität von Absperrungen.

Überall ragten plötzlich hohe Zäune auf. Sie versperrten nicht nur den Weg, sondern auch die Sicht. Man ist am Meer, und doch fühlt man sich eingesperrt. Statt der erhofften salzigen Brise, wie man sie von Mallorca kennt, schlug uns nur die stehende, drückende Hitze entgegen.

Ein Paradies im Rückbau

Ich stellte mich schließlich ins Wasser, die Füße im Meer – ein kurzer Moment der Verbindung. Doch während meine Frau mich beobachtete, wurde uns schmerzlich bewusst, wie sehr sich dieser Ort verändert hat. Vor nur 7 1/2 Jahren war hier noch Leben: Wir fuhren mit dem vierrädrigen Tretrad, das man heute vergeblich sucht. Es gab Gruppen, die grillten und lachten. Heute beobachten wir nur noch vereinzelte Menschen beim Grillen, wie ein Relikt aus einer Zeit, bevor die Verbotsschilder für das Schwimmen und Angeln die Oberhand gewannen.

Die Exklusivität der Macht

Auf unserem acht Kilometer langen Marsch Richtung Westen sahen wir kaum noch Attraktionen. Stattdessen dominierte die Baustelle:

• Die Trennung: Die hohen Zäune schützen heute die Aussicht der „vornehmen Leute“ in ihren neuen Hochhäusern. Wer dort leben will, braucht einen Code. Wer nur spazieren geht, steht vor verschlossenen Toren.

• Die Industrie: Am Horizont kein freier Blick, sondern die endlose Wand aus Containerschiffen – ein stummes Zeugnis der wirtschaftlichen Macht.

Mein Fazit

Nach acht Kilometern zwischen Baustaub, frischer Farbe an alten Fassaden und unüberwindbaren Zäunen kehrten wir zurück nach Bishan. Beim Abendbrot blieb das Gefühl, dass hier etwas Wertvolles verloren geht. Wenn der Zugang zur Natur hinter Codes und Zäunen verschwindet, bleibt für den normalen Bürger nur ein staubiger Weg auf der Wiese. Ein Tag, der als Flucht ans Meer begann und als Lektion über die Arroganz der Planung endete.

Aus tiefer Überzeugung verzichte ich darauf, luxuriöse Wohntürme zu fotografieren. Meine Kamera gehört der lebendigen Gemeinschaft und nicht der Arroganz steinerner Exklusivität.

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Mario Lee

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Gehörlos, neugierig und unterwegs zwischen Passau und Singapur. Hier schreibe ich über Inklusion, Reisen, Politik und das Leben.

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