
Fünfundvierzig Jahre. Als wir damals die zehnte Klasse verlassen haben, war das für uns eine Ewigkeit weit weg. Jetzt standen wir plötzlich wieder zusammen, älter, grauer, manche mit Brille, manche mit weniger Haaren. Aber kaum ging die erste Hand hoch, war alles wieder da. Die Gebärden sitzen noch. Die Sprüche auch.
Wir waren damals vier Klassen an der Gehörlosen- und Schwerhörigenschule, die 10a und 10b bei den Schwerhörigen und die 10/1 und 10/2 bei uns Gehörlosen. Nicht alle sind gekommen. Manche wollten nicht, andere konnten aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein. Vier von uns leben nicht mehr. An sie haben wir an diesem Tag gedacht.

Wiedersehen am Alten Rathaus
Um halb zehn stellten meine Frau und ich das Auto am Oberen Bahnhof ab und fuhren mit der Straßenbahn bis zum Tunnel. Kleine Hilfe für alle, die nicht aus Plauen kommen: Der Tunnel ist keine Unterführung, sondern der Platz mitten in der Stadt. Wer das nicht weiß, sucht dort lange nach einem Eingang.
Um 10 Uhr war Treffpunkt am Alten Rathaus. Das Rathaus stand gerade im Gerüst. Nach ein paar Jahrzehnten braucht eben auch ein schönes altes Gebäude etwas Pflege. Da konnten wir alle gut mitfühlen. Der Himmel war grau und es war kalt, aber es blieb trocken. Für Oktober im Vogtland ist das fast schon Glück.

Anke zeigt uns ihr Plauen
Anke hat das ganze Treffen organisiert, und dann hat sie uns auch noch selbst durch die Stadt geführt. Sie erzählte, dass im Zweiten Weltkrieg etwa drei Viertel von Plauen zerstört wurden. Wir standen am Neuen Rathaus und am Denkmal für den 7. Oktober 1989. An diesem Tag gingen hier die Menschen auf die Straße, laut Anke die erste große Demonstration in der ganzen DDR. Vom Tunnel aus konnten wir danach rundum über die Stadt schauen.


Vater, Sohn und die Neideiteln
Dann ging es zum Erich-Ohser-Haus. Ohser hat als e.o.plauen „Vater und Sohn“ gezeichnet, und die beiden laufen einem in Plauen dauernd über den Weg: als bunte Figuren auf dem Pflaster, als Bilder an den Hauswänden. Vor einer dieser bunten Wände haben wir uns gleich zum Gruppenfoto aufgestellt. Anke erzählte uns von Ohsers Leben, bis zu dem Tag, an dem er verhaftet wurde.



Auf dem Weg kamen wir an der Neideiteln vorbei. Sie steht da, die Hände in die Hüften gestemmt, und schaut, als hätte sie alles mitbekommen. Sie ist die vogtländische Klatschbase, die aus dem Fenster oder über den Gartenzaun guckt und die Nachbarn „ausrichtet“. Das heißt bei uns im Vogtland nicht geradebiegen, sondern hinter dem Rücken über jemanden reden. Eine echte Neideitel klingt ungefähr so:
„Hast de schu gehert? De Noberin hot schu wieder an Neia!“
Ehrlich gesagt: Nach 45 Jahren hatten wir selbst mehr als genug zum Ausrichten. Wer hat geheiratet, wer ist wohin gezogen, wer sieht noch genauso aus wie früher. Die Neideiteln wäre stolz auf uns gewesen.

Zwischendurch wärmten wir uns in der Stadtgalerie auf. Ich hatte Garnelen mit Remoulade, und die kalten Finger wurden langsam wieder warm.

Im Erich-Ohser-Museum
Um 13:10 Uhr ging es ins Museum. Dort steht sein Arbeitstisch, in einem nachgebauten Zimmer ein altes Telefon, an den Wänden hängen seine Zeichnungen. Auf einer rennt ein Mann schwitzend dem vollen Bus hinterher und träumt dabei vom eigenen Auto. Die Zeichnung ist von 1939. Ich musste schmunzeln, denn so viel hat sich seitdem nicht geändert.
Gleichzeitig wurde es still, als es um Ohsers Ende ging. Er hat Hitler schon früh in Karikaturen verspottet, und das wurde ihm zum Verhängnis. 1944 wurde er verhaftet und starb noch im selben Jahr in Haft. Umso mehr berührt der Satz, der an der Wand steht:
„Ich bin als Sohn geboren und habe mich im Laufe der Jahre zum Vater emporgearbeitet (…). Die ‚Vater und Sohn‘-Zeichnungen sind Erinnerungen an meine Kindheit, ausgelöst durch die Freude am eigenen Sohn.“
Erich Ohser alias e.o.plauen



Kaffee, Kuchen und ein eigensinniges iPad
Am Nachmittag saßen wir im Kaffeehaus zusammen. Bestellt wurde ganz modern über das iPad des Hauses. Nur ging dabei einiges durcheinander, und manche Torte war schon weg, obwohl ich sie bestellt hatte. Digital ist eben nicht automatisch perfekt. Auf alte Klassenkameraden ist nach 45 Jahren jedenfalls mehr Verlass als auf ein Tablet.
Unter der Elstertalbrücke
Um 17 Uhr liefen wir noch ein kleines Stück, etwa einen Kilometer, zur Elstertalbrücke bei Jocketa. Der Weg führt direkt unter den mächtigen Pfeilern entlang, und rundherum leuchtete das Herbstlaub. Man kommt sich da unten ganz klein vor.


900 Arbeiter haben die Brücke von 1846 bis 1851 gebaut. Kurz vor Kriegsende, am 16. April 1945, hat die Wehrmacht sie gesprengt, danach wurde sie wieder aufgebaut. Auf einer Gedenktafel steht ein lateinischer Spruch: „Stando distantia jungat“, feststehend möge sie Getrenntes verbinden.
Ich habe davor gestanden und an uns gedacht. 45 Jahre lang hat jeder sein eigenes Leben gelebt, verstreut in alle Richtungen. Und an diesem Tag war das, was getrennt war, wieder verbunden.

Ausklang im Alt-Jocketa
Um 17:30 Uhr kehrten wir im Gasthof & Landhotel Alt-Jocketa ein. Ich nahm die Rinderroulade mit Rotkraut und Klößen, meine Frau das scharfe Thai Curry. Vogtland und Singapur am selben Tisch.



Den ganzen Abend haben wir uns in Gebärdensprache unterhalten, natürlich im sächsischen Dialekt. Für mich ist das jedes Mal ein besonderes Gefühl. Mit diesen Menschen muss ich nichts erklären, nichts übersetzen lassen. Wir verstehen uns einfach, so wie damals.
Ich habe einen kleinen Vortrag über mein Buch „Taktik und Kampf gegen Taktik“ gehalten und vom Flugausfall in Singapur erzählt, bei dem es um Barrierefreiheit ging. Das allein wäre schon eine lange Geschichte.
Zum Schluss haben wir Anke geehrt, mit lautem Beifall. Sie hat dieses Wiedersehen möglich gemacht. Danke, Anke! Ohne dich hätten wir uns vielleicht erst zum Fünfzigsten wiedergesehen, oder gar nicht.
Dann klang der Abend langsam aus, mit Gesprächen, Lachen und vielen Händen in der Luft. Ich freue mich schon auf das nächste Mal.








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