Der doppelte Baumgartner: Leipzig zittert sich in Unterzahl durch die Hafenstraße
Offenes grünes Stadiontor mit Betonbrocken am Boden und einem Fußball, dahinter ein volles Stadion im Flutlicht unter rotem Abendhimmel
Das Tor ist wieder offen (Symbolbild) – Bild: mit KI erstellt (Gemini)

Es gibt Pokalabende, die schreibt man vorher in den Kalender. Und es gibt Pokalabende, die schreiben sich selbst, mit roter Tinte, zittriger Hand und einem Happy End, das bis zur 78. Minute niemand mehr auf dem Zettel hatte. RB Leipzig gewinnt in der zweiten Runde des DFB-Pokals bei Rot-Weiss Essen mit 2:1, steht im Achtelfinale und darf sich bei einem Mann bedanken, der vor ein paar Wochen noch verletzt auf der Tribüne saß: Christoph Baumgartner.

Dabei begann der Tag schon mit einer Szene, die man sich nicht ausdenken kann. In der Nacht vor dem Spiel hatten Unbekannte den Eingang zum Gästebereich an der Hafenstraße zubetoniert, zwei Zauntore waren regelrecht im Beton festgegossen. Dazu die Botschaft: „Bullen müssen heute draußen bleiben.“ Mitarbeiter der Stadt und von Rot-Weiss Essen hackten den Eingang am Morgen wieder frei, und die Leipziger Fans kamen rechtzeitig in ihren Block. Die Bullen durften also rein – und am Ende sogar als Sieger wieder raus.

Ausrutscher mit Ansage

Die Hafenstraße war vom Anpfiff an das, was man im Ruhrgebiet einen Kessel nennt und anderswo eine Druckkammer. Der Drittligist presste hoch, als hätte er die Tabelle nie gesehen, und Leipzig wirkte, als hätte es den Rasen zum ersten Mal betreten. In der 9. Minute wurde aus dem Unbehagen ein Rückstand: Ein zu weicher Rückpass von Castello Lukeba, Torhüter Nyland – er vertrat Stammkeeper Maarten Vandevoordt – rutscht aus, rappelt sich auf, rutscht gleich noch einmal weg, und Lucas Brumme schiebt den Ball zum 1:0 ein. Ein Tor wie ein Slapstick-Sketch, nur dass in der Leipziger Kurve keiner lachte.

Danach lief bei Leipzig wenig zusammen. Viele Zweikämpfe, viele Fehlpässe, kaum Torgefahr. Essen dagegen warf sich in jeden Ball und machte jeden Einwurf zur halben Ecke. Wer bis dahin noch glaubte, zwischen erster und dritter Liga liege ein Unterschied von zwei Klassen, durfte diesen Glauben an der Garderobe abgeben.

Seiwald fliegt, das Brett wird dicker

Und weil ein schlechter Abend gern noch einen drauflegt, kam die 44. Minute. Nicolas Seiwald, schon verwarnt, wollte am Strafraum abschließen, traf aber statt des Balls den Gegner. Zweite Gelbe, Gelb-Rot, Feierabend. Zur Pause also 0:1, ein Mann weniger und gefühlt null Ideen. Es war eine Halbzeit, die man sich in Leipzig höchstens als Lehrvideo anschauen sollte: Kapitel „So bitte nicht“.

Zu zehnt besser als zu elft

Trainer Martín Demichelis stellte in der Kabine um, und plötzlich spielte da eine andere Mannschaft. Ausgerechnet in Unterzahl wurde Leipzig wacher, mutiger, zielstrebiger. Essen verteidigte noch leidenschaftlich, kam aber kaum noch selbst nach vorn. Die Partie kippte langsam, so wie ein Pokal-Krimi eben kippt: erst unmerklich, dann mit Wucht.

In der 62. Minute kam Christoph Baumgartner, gerade erst zurück nach langer Verletzung. In der 78. Minute schickte David Raum einen langen Ball die Linie entlang, Antonio Nusa wurde seinen Gegenspieler mit einer Drehung los, brachte die Kugel scharf vors Tor – und Baumgartner stand am kurzen Pfosten genau da, wo ein Stürmer stehen muss: 1:1. Verlängerung? Von wegen.

Vier Minuten später, 82. Minute: Freistoß Raum, Baumgartner schraubt sich in die Luft, als hätte er einen Aufzug im Trikot eingebaut, Kopfball, der Ball tupft noch einmal auf und landet im Netz. 2:1. Aus einem Abend zum Vergessen war in fünf Minuten ein Abend zum Erzählen geworden. Essen warf am Ende noch alles nach vorne, doch Leipzig brachte die Führung mit zehn Mann über die Zeit.

Was bleibt

Ein Sieg, der verdient war, weil die zweite Halbzeit klar an Leipzig ging. Und eine Warnung, weil die erste Halbzeit klar zeigte, wie schnell ein Favorit im Pokal zur Fußnote werden kann. Hut ab vor Rot-Weiss Essen, das lange an der nächsten Pokalüberraschung kratzte. Und Hut ab vor Christoph Baumgartner, der in seinen ersten Spielen nach der Verletzung jedes Mal mitmischt. Leipzig ist im Achtelfinale, und das mit einem Baum von einem Spieler.


⚽ Daten zum Spiel
DFB-Pokal, 2. Runde · Dienstag, 27. Oktober 2026, 18 Uhr · Stadion an der Hafenstraße, Essen
Rot-Weiss Essen – RB Leipzig 1:2 (1:0)
Tore: 1:0 Brumme (9.), 1:1 Baumgartner (78., Vorlage Nusa), 1:2 Baumgartner (82., Vorlage Raum)
Gelb-Rot: Seiwald (Leipzig, 44.)
Einwechslung: Baumgartner (Leipzig, 62.)
Besonderes Vorkommnis: Eingang zum Gästebereich in der Nacht zuvor von Unbekannten zubetoniert, am Morgen wieder freigelegt; Leipzig dreht das Spiel in Unterzahl und steht im Achtelfinale
Trainer: Martín Demichelis (Leipzig)

Das Spiel habe ich im Bullenfunk verfolgt, dem Fanradio von RB Leipzig. Dieser Bericht ist meine persönliche Zusammenfassung in eigenen Worten. Daten: laola1.at, t-online.

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Mario Lee

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